Novalis – Letzte Liebe

Februar 25, 2011 at 4:30 pm Hinterlasse einen Kommentar

Also noch ein freundlicher Blick am Ende der Wallfahrt,
Ehe die Pforte des Hains leise sich hinter mir schließt.
Dankbar nehm ich das Zeichen der treuen Begleiterin Liebe
Fröhlichen Mutes an, öffne das Herz ihr mit Lust.
Sie hat mich durch das Leben allein ratgebend geleitet,
Ihr ist das ganze Verdienst, wenn ich dem Guten gefolgt,
Wenn manch zärtliches Herz dem Frühgeschiedenen nachweint

Und dem erfahrenen Mann Hoffnungen welken mit mir.
Noch als das Kind, im süßen Gefühl sich entfaltender Kräfte,
Wahrlich als Sonntagskind trat in den siebenten Lenz,
Rührte mit leiser Hand den jungen Busen die Liebe,
Weibliche Anmut schmückt jene Vergangenheit reich.
Wie aus dem Schlummer die Mutter den Liebling weckt mit dem Kusse,

Wie er zuerst sie sieht und sich verständigt an ihr:
Also die Liebe mit mir – durch sie erfuhr ich die Welt erst,
Fand mich selber und ward, was man als Liebender wird.
Was bisher nur ein Spiel der Jugend war, das verkehrte
Nun sich in ernstes Geschäft, dennoch verließ sie mich nicht –

Zweifel und Unruh suchten mich oft von ihr zu entfernen,
Endlich erschien der Tag, der die Erziehung vollzog,
Welcher mein Schicksal mir zur Geliebten gab und auf ewig
Frei mich gemacht und gewiß eines unendlichen Glücks.

 

 

Das vorliegende Gedicht „Letzte Liebe“ wurde von dem deutschen Schriftsteller Friedrich Freiherr von Hardenberg, der unter dem Pseudonym „Novalis“ schrieb, verfasst. Das Entstehungsdatum ist unbekannt.

In dem Gedicht wird ein Mann beschrieben, der den Schutz seines Elternhauses verlässt und dabei der Liebe seiner Mutter zu ihm gedenkt, die seine Jugend wesentlich geprägt hat.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen, mit sieben, sechs, fünf und vier Versen.

In der ersten Strophe verlässt das lyrische Ich einen Hain, nachdem es noch einen letzten Blick zurück geworfen hat. Es öffnet sein Herz für die Liebe, welche es schon zuvor begleitet und geleitet hatte.

Anschließend erinnert sich das lyrische Ich in der zweiten Strophe an vergangene Kindheitstage und die damit verbundene Nähe zu seiner Mutter.

In der dritten Strophe besinnt es sich darauf, dass es erst durch die Liebe die Welt verstanden hat.

Dann erinnert sich das lyrische Ich in der vierten Strophe abermals an vergangene Zeiten, dieses Mal an schlechte Zeiten, durch die es die Bindung zur Liebe fast verloren hätte. Das Gedicht endet damit, dass sich das lyrische Ich sein Schicksal ins Gedächtnis ruft und das „unendliche Glück“ (Zeile 22) zum Ziel setzt.

Das Gedicht hat, abgesehen von der ungleichen Versanzahl der Strophen, eine sehr offene Form. So besitzt es kein einheitliches Reimschema und auch ein regelmäßiges Metrum ist nicht zu erkennen.

In der sprachlichen Gestaltung des Gedichts lassen sich einige Besonderheiten festmachen.

So ist das vorliegende Gedicht nicht in einer einheitlichen Zeitform verfasst. Das lyrische Ich verlässt den Hain in der Gegenwart. Anschließend erinnert es sich an die Vergangenheit. Diese Zeitform scheint im weiteren Verlauf des Gedichtes nicht mehr zu wechseln, der letzte Satz gewährt jedoch mit dem „unendlichen Glück[s]“ (Zeile 22) einen Blick in die Zukunft des lyrischen Ichs, beziehungsweise in eine erhoffte Zukunft.

Des Weiteren ist das Gedicht fast vollkommen hypotaktisch verfasst und der Autor machte häufig von Inversion Gebrauch.

Wichtig für die Interpretation ist das Verständnis der eingearbeiteten rhetorischen Mittel und wichtigen Begriffe, die das Gedicht durchziehen. Besonders beachten muss man hier den historischen Hintergrund, da einigen der gebrauchten Begriffe aus damaliger Sicht eine andere Bedeutung zukam als aus heutiger Sicht.

Direkt zu Beginn muss dementsprechend die „Wallfahrt“ (Zeile 1) genauer beleuchtet werden. Ursprünglich ist eine Wallfahrt eine spirituelle Reise zu einem einer bestimmten Religion zugehörigen heiligen Ort. Da das Gedicht jedoch in die Epoche der Romantik einzuordnen ist (eine Erklärung hierzu folgt später), muss man die „Wallfahrt“ vor dem Hintergrund des säkularen Sprachgebrauchs betrachten. Wallfahrten im religiösen Sinne gibt es zwar heute noch, doch aus dem Kontext des Gedichtes lässt sich erschließen, dass Novalis mit der „Wallfahrt“ in dem Gedicht keine ursprüngliche meinte.

Im säkularen Sprachgebrauch ist eine Wallfahrt eine moralische Reise, eine Initiation, worauf ich im Verlauf der Analyse zurückkommen werde.

Eng verbunden mit der „Wallfahrt“ in Zeile 1 ist der „Hain“ in Zeile 2. Auch dieser Begriff muss näher untersucht werden, da er mit der Zeit besonders in der Poesie mit zahlreichen Konnotationen angereichert wurde. Da ein Hain im eigentlichen Sinne eine Baumgruppe oder ein Gehölz ist, muss man die „Pforte des Hains“ (Zeile 2) als Metapher sehen. Im allgemeinen Sprachgebrauch assoziiert man einen „Hain“ zudem mit „Schutz“, was auf die Germanen zurückgeht. Zusammen mit der ersten Strophe wird also klar, dass das lyrische Ich eine Reise abgeschlossen hat. Durch die Initiation am Ende der Reise musste es das frühere geschützte Leben das es geführt hat, hinter sich lassen.

In der dritten Zeile taucht erstmals das Leitmotiv des Gedichts auf, die „treue Begleiterin Liebe“. Bereits zu Beginn des Gedichts wird die „Liebe“ von dem lyrischen Ich anthromorphisiert (-> „treue Begleiterin“, Zeile 3). Das lyrische ich sieht die Liebe als „Begleiterin“ und „öffnet“ ihr “das Herz“ (Zeile 4). Durch diese Metapher wird der hohe Stellenwert der der „Liebe“ in diesem Gedicht beigemessen wird, deutlich.

Eine Erklärung für sein Verhalten gibt das lyrische Ich in Form eines Exemplums in Zeile 5: „Sie hat mich durch das Leben allein rathgebend geleitet“.

Es sei der Verdienst der Liebe, dass das lyrische Ich stets gut gehandelt und ein starkes Herz bewiesen hätte (Zeilen 6-7). Die „Liebe“ wird abermals personifiziert („Ihr ist das ganze Verdienst“, Zeile 6) und mit Hilfe eines Apokoinus wird ihr „Verdienst“ näher spezifiziert.

Der „Verdienst der Liebe“ (Zeile 6) fungiert als Koinon und bezieht sich somit auf die beiden nachfolgenden Teilsätze gleichzeitig. Das „Gute“ im ersten Teilsatz steht für das Treffen von richtigen Entscheidungen, während der zweite Teilsatz das starke Herz des lyrischen Ichs beschreibt. Der „Frühgeschiedene“ ist ein Neologismus aus „früh“ und „Geschiedener“, also eine Person die schon früh gestorben ist.

Der Übergang zur zweiten Strophe ist fast fließend was auf ein Enjambement zurückzuführen ist.

In der zweiten Strophe muss wieder ein Begriff genauer untersucht werden, das „Sonntagskind“. Das lyrische Ich bezeichnet sich selbst als ein „Sonntagskind“ welches in den „siebenten Lenz [trat]“ (Zeile 10). „Lenz“ ist ein poetischer Ausdruck für „Lebensjahr“, das lyrische Ich schwelgt also in Kindheitserinnerungen, was in Zeile 9 eingeleitet wird: „Noch als Kind […]“.

Der Begriff des „Sonntagskindes“ ist aufgrund seiner Vielzahl an Bedeutungen schwer zu interpretieren. Der Begriff bezeichnete ursprünglich ein Kind dem übernatürliche Fähigkeiten zugesprochen wurden. So sollte es Geister sehen und vertreiben können. Da es angeblich auch den Tod anderer Menschen vorhersehen konnte, wurden „Sonntagskinder“ gemieden.

Auch zu Novalis’ Lebzeiten wurden Sonntagskindern Fähigkeiten zugesprochen. Sie wurden jedoch nicht mehr als „Geisterseher“ betrachtet, sondern vielmehr als „Glückskind“ mit speziellen Begabungen gesehen. In dem vorliegenden Gedicht kann man den Begriff des „Sonntagskindes“ also als Periphrase für ein „besonderes“ Kind sehen.

Des Weiteren erinnert sich das lyrische Ich in der zweiten Strophe an seine Mutter, die zunächst in Zeile 12 auch paraphrasiert wird: „Weibliche Anmut“.

Die „Mutter“ kann in diesem Gedicht auch als Motiv gesehen werden, da deutlich wird, dass die „Liebe“ die das lyrische Ich in der ersten Strophe eine „treue Begleitern“ nannte, identisch mit der Mutterliebe ist.

Die dritte Strophe beginnt mit einem beim ersten Lesen verwirrenden Satz, der erst durch eine nachfolgende Parenthese („Also die Liebe mit mir – durch sie erfuhr ich die Welt erst“, Zeile 15) verständlich wird. Das lyrische Ich ruft sich ins Gedächtnis, dass es erst durch die „Liebe“ die Welt „erfahren“ hat. Zusammen mit den bisherigen Erkenntnissen kann man also sagen, dass die Mutterliebe dem lyrischen Ich die Augen geöffnet hat. Als Begleiterin des lyrischen Ichs hat die Liebe es vor Dummheiten (Zeile 6) bewahrt und die Welt erklärt (Zeile 15). Hier wird wieder deutlich, warum das lyrische Ich in der „Liebe“ eine Begleiterin sieht.

Hinzufügen muss man hier noch den Anfang des 16. Verses: „Fand mich selber“.

Die Liebe kann also als weltverwandelnde und identitätsbestimmende Macht verstanden werden.

Das lyrische Ich bezeichnet die „Liebe“ in Zeile 3 zudem als „treu“, was es in den Zeilen 17 und 18 begründet. So hat die „Liebe“ das lyrische Ich auch nicht verlassen, als die verspielte Kindheit zu Ende ging („Spiel der Jugend“, Zeile 17) und der so genannte „Ernst des Lebens“ begann („ernstes Geschäft“, Zeile 18). Anders ausgedrückt hörte die Mutter das lyrische Ich nicht auf zu lieben als es aufhörte ein Kind zu sein und begann erwachsen zu werden.

Die vierte Strophe beginnt mit einer Tautologie („Zweifel und Unruh“, Zeile 19), womit sich diese Strophe deutlich von den anderen abhebt, die nur mit Konjunktionen (Strophen 1 und 2) oder Fragewörtern (Strophe 3) anfangen.

Die Tautologie weckt sofort die Aufmerksamkeit des Lesers, zumal sie sehr negativ ist. So gesteht sich das lyrische Ich ein, dass es Momente in seinem vergangenen Leben gab, an der es sich von seiner Begleiterin, der „Liebe“, zu entfernen schien. Im Kontext des Gedichts stehen „Zweifel und Unruh“ also für Streite mit der Mutter oder Gefühle wie Enttäuschung, Wut und Zorn.

Der „Tag, der die Erziehung vollzog“ (Zeile 20), ist das Ende der „Wallfahrt“ (Zeile 1) und bestätigt die Vermutung dass es sich bei dieser Wallfahrt um eine Initiation handelt. Der Tag an sich, wird von dem lyrischen Ich herbeigesehnt, was durch die Einleitung des Satzes durch das Wort „endlich“ (Zeile 20) deutlich wird. In Zeile 21 wird deutlich, dass mit diesem Tag eine Art Aufgabe verbunden ist. So spricht das lyrische Ich von einem „Schicksal“, das ihm durch den „Tag, der die Erziehung vollzog“ (Zeile 20) zur Geliebten gegeben wurde (Zeile 19). Der Begriff der „Geliebten“ steht hier metaphorisch für eine Bindung, das lyrische Ich ist an sein Schicksal gebunden, es kann ihm nicht entfliehen.

In der letzten Zeile bricht das lyrische Ich erstmals wieder aus der Rückblende aus. Es schwelgt zwar noch immer in Erinnerungen, jedoch gewährt es erstmals einen Blick in die Zukunft: „gewiß eines unendlichen Glücks“ (Zeile 22).

Nach dieser Analyse der einzelnen Begriffe und rhetorischen Mittel im vorliegenden Gedicht, ist eine Deutung möglich.

Das lyrische Ich in dem vorliegenden Gedicht, hat nach der erfolgreichen Initiation in das Erwachsensein den Schutz des Elternhauses verlassen und begibt sich in die Welt um sein Schicksal zu erfüllen. Dabei verlässt es sich auf die Mutterliebe, welche es schon die gesamte Kindheit und Jugend über begleitet hat und dafür gesorgt hat, dass das lyrische Ich stets die richtigen Entscheidungen trifft.

Der Titel des vorliegenden Gedichts, „Letzte Liebe“, erscheint im Hinblick auf den Inhalt paradox. So ist die Mutterliebe stets die erste Liebe die ein Kind erfährt, was in dem Gedicht selber auch ganz klar deutlich wird („Wie er zuerst sie sieht und sich verständigt an ihr“, Zeile 14). Dennoch misst Novalis der Mutterliebe eine besondere Bedeutung bei, die mit keiner anderen Form von Liebe vergleichbar ist. Die Mutterliebe begleitet das lyrische Ich ein Leben lang und beschützt es vor falschen Entscheidungen. Zudem stärkt sie das lyrische Ich, gibt ihm das Gefühl nicht allein zu sein, auch in schlechten Zeiten.

Die Mutterliebe ist also eine einzigartige Liebe, die einen sein Leben lang bis zum Tod begleitet. Somit ist sie also auch die letzte Liebe.

Zum Abschluss bleibt noch zu klären, warum das vorliegende Gedicht in die Romantik einzuordnen ist. Ein Aspekt des Gedichts ist die bereits angesprochene offene Form des Gedichts. Es ist ein typisches Beispiel für die Universalpoesie in der Romantik. Formale Konzeptionen, spezielle Gattungen und altbewährte Inhalte und Formen fehlen.

Der beste Beweis dafür dass dieses Gedicht in die Romantik einzuordnen ist, ist die deutliche Abkehr von der Rationalität, die in der Romantik, welche eine Gegenbewegung zur Zeit der Aufklärung war, typisch war.

Die „Liebe“ wird als weltverwandelnde und identitätsbestimmende Macht gesehen. Die „Liebe“ an sich ist ein zentrales Motiv in der romantischen Literatur. Außerdem benutzt der Autor irrational vorbehaftete Begriffe wie die Wallfahrt, den schützenden Hain und das Glück bringende Sonntagskind. Zudem wird das lyrische Ich von seinem Schicksal bestimmt.

An diesen Beispielen erkennt man deutlich, dass das vorliegende Gedicht in die Epoche der Romantik einzuordnen ist.

Abschließend kann man sagen, dass Novalis’ Gedicht „Letzte Liebe“ die beschützende und leitende Mutterliebe beschreibt, die einen jeden bis an sein Lebensende begleitet. Das lyrische Ich in dem Gedicht erfährt dass diese Bindung zur Mutter auch noch nach der Kindheit und dem Verlassen des Elternhauses besteht.

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