Nationalstaatsgedanke und Nationalismus in Europa

Juni 7, 2011 at 8:58 am 4 Kommentare

„Nationalismus“ – heute haftet diesem Wort etwas abstößiges an. Denmkt man nicht sofort an seinen ständigen Begleiter „Sozialismus“?
Dabei steht der Nationalismus eigentlich für den Wunsch nach einem einheitlichen Staat, mit festgelegten Grenzen und der als Identifikationssymbol für seine Bevölkerung stehen soll.
Der Nationalstaatsgedanke entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts und wurde durch Napoleon in Europa verbreitet. Bis heute zieht er sich durch unsere europäische Geschichte.

1 Idee und Problematik des Nationenbegriffs
2 Bedeutung der Napoleonischen Kriege für den Nationalstaatsgedanken
3 Zentrale Begriffe zum Einfluss der napoleonischen Herrschaft in Europa
4 Bedeutung der Napoleonischen Kriege für den Nationalstaatsgedanken am Beispiel Deutschlands
5 Diskussion: Die Preußischen Reformen
6 Bedeutung der Napoleonischen Kriege für den Nationalstaatsgedanken am Beispiel Italiens
7 Politische Neuordnung Europas nach 1815

1 Idee und Problematik des Nationenbegriffs

–          Revolutionen in Nordamerika und Frankreich als Einschnitt

->    politischer und gesellschaftlicher Umbruch

–          wichtig: inspiriert vom Geist der Aufklärung

–          Nationalismus ist keine einheitliche Größe

->    Rassenimperialismus Hitlers kann nicht mit der Idee eines demokratischen deutschen Nationalstaats verglichen werden

–          Entstehung und Wirken der Nationalstaaten/ nationalen Bestrebungen bilden eine der bestimmenden Tendenzen der modernen Geschichte

–          Sozialwissenschaftler bezeichnen den Nationalismus als Integrationsideologie

->    Ablösung der alten ständischen und religiösen Bindungen

->    Gibt den Einzelnen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit

–          Zusammengehörigkeitsgefühl meist mit liberalen und demokratischen Ideen verknüpft

->    Nation und Freiheit als Synonyme

–          Integraler Nationalismus als Gegensatz zur Integrationsideologie

->    nur die eigene Nationalität zählt, Minderheiten werden ausgegrenzt

->    Übersteigerung des Nationalismus-Begriffs durch Hitler

->    „Nationalismus“ erhält negative Konnotation

Nationalismus darf nicht als einheitliche Größe verstanden werden, da man den Nationalismus des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht mit dem des 20. Jahrhunderts vergleichen kann. Dennoch wird der Begriff des Nationalismus heutzutage meist abwertend verwendet.

2 Bedeutung der Napoleonischen Kriege für den Nationalstaatsgedanken

–          durch die Napoleonischen Kriege (1792-1815) veränderte sich das Machtgefüge in Europa

->    machtpolitisch-territoriale und ideologische Folgen

1)      bis 1812 weite Teile Europas unter französischer Kontrolle

2)      Ausbreitung und Entwicklung des Nationalismus

3 wichtige Aspekte:

1) Image der französischen Volksarme

–     französische Volksarmee ist den Armeen der Koalition deutlich überlegen

–     Franzosen werden von dem revolutionär-nationalen Stolz angetrieben während die Soldaten der Koalition bezahlte Söldner ohne gemeinsame Wertvorstellungen oder Ideologien sind

–     französische Volksarmee wird gefürchtet

–     französische Volksarmee stellte Überlegenheit einer Nationalarmee unter Beweis

2) Territoriale Um- und Neugestaltungen

–     Reichsdeputationshauptschluss (1803)

–     Gründung des Rheinbundes (1806)

–     Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1806)

->  Ende der Kleinstaaterei

->  Entstehung neuer geschlossener Flächenstaaten

3) Innenpolitische Reformen

–     Errichtung französischer Protektorate (Napoleoniden)

–     Identifikation mit den neuen Staaten

->  eigene Verfassung (Bsp. Bayern 1808)

->  Code Civil

->  Verwaltungsreform

->  religiöse Toleranz

->  Beseitigung ständischer Privilegien

–     noch nicht eroberte Staaten versuchen ihre Bevölkerung mit Reformen an sich zu binden

-> nachhaltige Modernisierung (als Voraussetzung für den modernen Nationalstaat)

3 Zentrale Begriffe zum Einfluss der napoleonischen Herrschaft in Europa

Heiliges Römisches Reich:

–          Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Mittelalter bis 1806

–          Ganz Mitteleuropa und Teile Südeuropas

–          Übernationaler Charakter

->    konnte sich nie zu einem Nationalstaat entwickeln

–          monarchisch geführtes, ständisch geprägtes Gebilde mit Kaiser und Reichsständen

Code Civil:

–          französisches Gesetzbuch zum Zivilrecht

–          von Napoleon am 21.03.1804 eingeführt

–          bedeutendes Gesetzwerk der Neuzeit

–          in Frankreich teilweise noch heute gültig

–          Gedankengut der Französischen Revolution

–          garantiert allen männlichen Bürgern:

->    Gleichheit vor dem Gesetz

->    Schutz und Freiheit des Individuums

->    Schutz des Privateigentums

->    Laizistischer Staatsaufbau

->    Abschaffung des Zunftzwangs

->    Gewerbefreiheit und freie Berufswahl

->    Schaffung der juristischen Basis für die Marktwirtschaft

->    Aufzeichnung von Geburten und Todesfällen (Personenstandswesen)

Reichsdeputationshauptschluss:

–          letztes bedeutendes Gesetz des Heiligen Römischen Reiches

–          tritt am 27.04.1803 in Kraft

–          Abfindung weltlicher Fürsten, die im Rahmen der Revolutionskriege Besitz verloren haben

1)      Säkularisierung

->    Auflösung der geistlichen Fürstentümer

2)      Mediatisierung

->    freie Reichsstädte werden benachbarten großen Fürstentümern (Baden, Bayern, Württemberg) zugeschlagen

->    Folge: Ende der Kleinstaaterei; Entstehung von Flächenstaaten

Rheinbund:

–          Konföderation und Militärallianz deutscher Fürsten mit Frankreich

–          Fürsten treten aus dem Verband des HRRDN aus und akzeptieren Napoleon als Protektor

->    Ende des HRRDN

4 Bedeutung der Napoleonischen Kriege für den Nationalstaatsgedanken am Beispiel Deutschlands

Folgen der Napoleonischen Kriege für das HRRDN:

–          Frieden von Lunéville (1801): Abtretung aller linksrheinischen Gebiete an Frankreich

->    deutschen Fürsten werden für den Gebietsverlust mit dem Reichsdeputationshauptschluss (1803) entschädigt

->    Rheinbund (1806) wird gegründet

->    HRRDN zerfällt (Franz II. legt 1806 die Krone nieder)

–          Schlacht bei Jena und Auerstedt: Preußen büßt Hälfte seines Territoriums ein und muss hohe Kriegsentschädigungen zahlen

Reformen sollen Überleben des preußischen Staates sichern, sowie Wirtschaftskraft steigern und die Bevölkerung an den Staat binden (Entwicklung eines Nationalgefühls)

Preußische Reformen:

  • Agrarreform (ab 1807):

Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern (Bauernbefreiung)

  • Heeresreform (1807-15):

– Einführung der allgemeinen Wehrpflicht

– Öffnung der Offizierslaufbahn für Nichtadlige

– Leistungsprinzip bei Beförderungen

– Abschaffung der Prügelstrafe

  • Städteordnung (1808):

– Einführung der kommunalen Selbstverwaltung

  • Verwaltungsreform (1808):

– Einrichtung von 5 klar abgegrenzten Ressortministerien

– Trennung von Justiz und Verwaltung

– Verwaltungsneugliederung des Landes mit ständischer Mitbestimmung

  • Gewerbereform (1810):

– Einführung der Gewerbefreiheit

– Aufhebung der Zünfte

Wirtschaftsliberalismus

  • Steuerreform (ab 1810):

– Aufhebung von adligen Steuerprivilegien

  • Bildungsreform (ab 1810):

– neues Bildungssystem (Volksschule, Gymnasium, Universität)

– Hebung der allgemeinen Volksbildung

– Schaffung einer gesellschaftlichen Elite

  • Judenemanzipation (1812):

– Rechtsgleichheit und wirtschaftliche Betätigungsfreiheit für Juden

5 Diskussion: Die Preußischen Reformen

Pro:

–          bedeuteten Grundlage für die Industrialisierung (liberalere Wirtschaft durch Gewerbefreiheit)

–          Beginn der Befreiung aus napoleonischer Vormundschaft

–          ermöglichten sozialen Aufstieg (liberalere Wirtschaftslage, bessere Bildung, Aufstiegsmöglichkeiten im Heer)

–          Grundlage für heutiges Bildungssystem

–          auf lange Sicht erfolgreich -> bereiteten spätere Entwicklungen vor (Zollunion 1934)

–          liberale Tendenzen in den Bereichen Wirtschaft, Heer und Bildung

Contra:

–          in Umsetzung und Zielsetzung nicht durchgreifend genug (keine Verfassung, nachträgliche Änderung wie das Regulierungsedikt)

–          waren stark wirtschaftlich und national anstatt sozial motiviert

–          Reformen von oben sollten Revolution von unten verhindern

–          tatsächliche Umsetzung dauerte zu lange (z.B.: Bauernbefreiung)

–          politisches Mitspracherecht des Individuums noch immer stark eingeschränkt

–          verschiedenen Bevölkerungsteile profitieren sehr unterschiedlich von den Reformen (Kleinbauern ohne Land sind die großen Verlierer, Großgrundbesitzer die Gewinner)

6 Bedeutung der Napoleonischen Kriege für den Nationalstaatsgedanken am Beispiel Italiens

–          Zeit des Risorgimento (1815-1871)

–          Nach dem Wiener Kongress besteht Italien aus vielen Einzelstaaten

->    Piemont-Sardienien; Kirchenstaat (eigenständig)

->    Lombardei; Venetien (unter österreichischer Herrschaft)

->    Toscana; Parma; Modena (Nebenlinien der Habsburger)

->    Königreich Neapel (unter französischer Herrschaft)

 

1. Phase de Risorgimento (1815-1848):

–      Geheimbünde initiieren Aufstände im Volk

–      Wunsch nach nationaler Einheit wächst

–      Forderungen nach Reformen und der Unabhängigkeit von Österreich

–      1846: 2 Staatsformen zur Diskussion:

1)    Föderation der italienischen Staaten unter dem Papst

2)    nationale Einigung unter Sardinien-Piemont

–      März 1848: Märzrevolution

->   teilweise Eroberung Italiens und Kriegserklärung an Österreich

->   November 1848: Ausrufung der Republik

–      August 1849: Gegenrevolution

2. Phase des Risorgimento (1849-1871):

–     1859: Frankreich sagt militärische Unterstützung gegen Österreich zu

->  französisch-sardinischer Krieg gegen Österreich

Folgen:

–          Frankreich bekommt im Austausch gegen die Lombardei Savoyen und Nizza

–          Fürstentümer Toskana Modena und Parma schließen sich nach Plebisziten Piemont-Sardienien an

->    Ende der Habsburger

–           14.03.1861: Gründung des Königreichs Italien

7 Politische Neuordnung Europas nach 1815

–          Herstellung von Stabilität: europäische Ordnung beruht nun auf Vertrag und Verpflichtung

–          Dynamik einzelstaatlicher Macht, hegemonialer Ansprüche und revolutionärer Ideologien wird gebremst

->    Militärverfassung im Deutschen Bund; Allianzen Preußen-Österreich-Dualismus

–          Konfliktpotential durch Restauration vorrevolutionärer Machtverhältnisse

–          Konfliktbegrenzung – Friedenssicherung z.B. durch Kongresssystem

–          Deutsche Zersplitterung verhindert erneut einen Nationalstaat

–          Österreich und Preußen als Großmächte im Deutschen Bund (Machtkampf)

->    mögliche Gefahr für europäisches Gleichgewicht

–     Dominanz der Pentarchie

–     Ignorieren nationaler Einheitswünsche (z.B.: Italien; Polen)

–          Konservierung des „monarchischen Prinzips“

–          Wiener Kongress als Ausgangspunkt für Epoche der Restauration

–          Verfassungsentwicklung in süddeutschen Staaten

–          Vielvölkerstaat Österreich: Nationalitätenkonflikte

–          Vierte polnische Teilung

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Hauptmerkmale der literarischen Epochen Vom Vormärz bis zur Revolution von 1848/49

4 Kommentare Add your own

  • 1. hallo  |  November 3, 2011 um 12:19 pm

    leider verstehe ich die zusammenhänge nicht 😦 in geschichte bin ich eine 0

    Antworten
  • 2. Theresa_brdg  |  Juli 27, 2014 um 3:18 pm

    Endlich mal eine gelungene und sehr hilfreiche Zusammenfassung!! 👍👍😀

    Antworten
  • 3. Sa4  |  November 2, 2014 um 3:20 pm

    Hat mir sehr bei meiner Rechereche für ein Schulreferat geholfen, danke!

    Antworten
  • 4. mascha  |  März 31, 2015 um 12:29 pm

    Das ist eine super Zusammenfassung und sehr gut zum Lernen für das Abi!

    Antworten

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